Diagnostik gehört in die Praxis: KVWL kritisiert ABDA-Positionspapier scharf
Dortmund/Westfalen-Lippe, 06.07.2026 – Die Apotheken-Pläne gefährden nach Ansicht der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) die Patientensicherheit und ignorieren die Realität der medizinischen Versorgung. Vorständin Anke Richter-Scheer: „Medizin ist keine Pharmazie, Diagnosen sind keine Pillen!“
Als deutliche Fehlentwicklung und Gefahr für die Patientensicherheit kritisiert die KVWL das aktuelle Positionspapier der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). „Die Pläne, diagnostische Leistungen wie Schnelltests und Blutentnahmen sowie tiefergehende Therapieempfehlungen flächendeckend in Apotheken zu etablieren, gehen völlig an der Realität von Patienten und der medizinischen Praxis in Westfalen-Lippe vorbei. Als Hausärztin erlebe ich jeden Tag, wie wichtig die kontinuierliche und ganzheitliche Betreuung kranker Menschen ist“, erklärt Anke Richter-Scheer, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVWL.
ABDA-Pläne gefährden Therapiesicherheit
Die niedergelassene Hausärztin erläutert: „Eine gute und sichere Diagnose basiert insbesondere auf dem Wissen um die gesamte Krankengeschichte und das soziale Umfeld. Wenn Apotheken nun ohne dieses wesentliche Hintergrundwissen eigene Diagnostik und Empfehlungen anbieten, stiftet das bei den Patienten Verwirrung, gefährdet die Therapiesicherheit und kostet wertvolle Zeit. Diagnostik und die Koordination der Behandlung gehören klar und ausschließlich in die Hand der behandelnden Ärztinnen und Ärzte.“
Aus Sicht der KVWL wirft der Vorstoß der ABDA konkret folgende gravierende Probleme auf:
1. Gefährdung der Patientensicherheit durch Bestimmung isolierter Laborwerte
Die Durchführung von Schnelltests in der Apotheke liefert oft nur unvollständige Momentaufnahmen. Beispiele sind der Cholesterin-Test oder der Schnelltest, um Entzündungen im Körper sichtbar zu machen und so zu entscheiden, ob Behandlungen zum Beispiel mit Antibiotika erforderlich sind.
Anke Richter-Scheer erläutert: „Isoliert betrachtet und ohne den medizinischen Gesamtzusammenhang lassen diese Werte keine qualifizierte Aussage zu. Ohne Kenntnis von Vorerkrankungen und Begleitsymptomen können sie vielmehr zu gefährlichen Fehlschlüssen führen.“ Die Vorständin weist auf die Folgen hin: „Ein solches Vorgehen führt zudem zu massiven Verunsicherungen der Patienten, da eine medizinische Einordnung in der Apotheke nicht möglich ist. Letztlich bleibt hier nur der Gang zum Arzt!“
2. Chronische Erkrankungen brauchen Ganzheitlichkeit statt zusätzlicher Instanzen
Anke Richter-Scheer betont: „Gerade chronisch und mehrfach erkrankte Menschen benötigen eine feste, koordinierende Betreuung. Wenn Apotheken tiefergehende Empfehlungen aussprechen, ohne zu wissen, was zwischen Arzt und Patient vereinbart wurde, droht akute Gefährdung. Patienten sind durch die Abstimmung zwischen Haus-, Fach- und Klinikärzten ohnehin gefordert. Eine weitere Instanz verschärft das Problem, statt es zu lösen.“
Die KVWL-Vorständin unterstreicht: „Unsere Patientinnen und Patienten sind in unseren Praxen gut versorgt, sie vertrauen ihren Ärztinnen und Ärzten. Deshalb braucht es keine Verlagerung der Medizin in die Apotheke. Und: Wodurch wird ein Apotheker ungeprüft zum Arzt? Menschen brauchen einen kompetenten Ansprechpartner, der sie ganzheitlich kennt.“
3. Fehlpriorisierung angesichts wirtschaftlicher Realitäten der Apotheken
Auch aus struktureller Sicht ist der ABDA-Vorstoß unverständlich. Richter-Scheer: „Angesichts zunehmender finanzieller Probleme in den Apotheken stellt sich die Frage: Ist es sinnvoll, immense Ressourcen für die Schulung von Personal, den Umbau diskreter Räumlichkeiten oder den Nachweis aufwändiger Fortbildungen und telemedizinischer Anbindungen aufzubringen? Sinnvoller wäre es, die Kräfte und Ressourcen auf die Kernkompetenz der Apotheken – die sichere Arzneimittelversorgung – zu konzentrieren.“
Dr. Dirk Spelmeyer und Anke Richter-Scheer, Vorstände der KVWL, ziehen folgendes Fazit: „Das Positionspapier der ABDA ist einseitig gedacht und geht am tatsächlichen Bedarf der Menschen vorbei. Diagnostische Maßnahmen und Therapieentscheidungen sind Kernbestandteile des ärztlichen Berufsfeldes. Wir fordern daher eine klare Besinnung auf die bewährte Aufgabenteilung im Gesundheitswesen: Diagnose und Therapie verbleiben in der Arztpraxis – Apotheker sind eben keine Ärzte!“ – sk