KVWL-Jahreskongress 2025: „Es kann nur gemeinsam funktionieren!“
Zwei Themen im Fokus: Teampraxis und Patientensteuerung
Dortmund, 29.09.2025 – Zupackend, lösungsorientiert, gemeinschaftlich: Der Jahreskongress der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) bot am Freitag (26. September) spannende Lösungsansätze zu den größten Herausforderungen der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung. Mehr als 100 geladene Gäste, darunter zahlreiche Vertreter aus Politik, ärztlicher Selbstverwaltung und Krankenkassen, erlebten zwei kurzweilige Diskussionsrunden. Zwei Themen standen dabei besonders im Fokus: das Modell der Teampraxis sowie die Möglichkeiten der Patientensteuerung. Während es in der Ausgestaltung unterschiedliche Sichtweisen gab, herrschte in mindestens einem Punkt klarer Konsens. Eine Zusammenfassung.
Ein großes Warmlaufen gab’s nicht: Prof. Dr. Nadja Mayer-Wingert (Professorin für Sozial- und Gesundheitsmanagement, Internistin und Palliativmedizinerin), Dr. Martin Riffelmann (Facharzt für Allgemeinmedizin), Dirk Ruiss (Leiter der NRW-Landesvertretung der Ersatzkassen e.V.) diskutierten im ersten Durchgang gemeinsam mit Anke Richter-Scheer (stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVWL) leidenschaftlich über die Perspektiven künftiger Delegation. Wie gelingt der Wandel von der Einzelpraxis zur multiprofessionellen Teampraxis? Und welche Rahmenbedingungen sind nötig? „Es gibt inzwischen ein großes Spektrum an Delegationsberufen. Allerdings muss sich der Bedarf immer an der Versorgungsrealität und jeweiligen Praxisstrukturen vor Ort ausrichten“, sagte Anke Richter-Scheer.
Teampraxis: Auf dem Weg in die Regelversorgung
Einigkeit herrschte in der Runde darüber, dass Patientenversorgung künftig immer auch an Delegation geknüpft sein muss. Denn: Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie demografischer Wandel und zunehmende Morbidität machen die Integration verschiedener medizinischer Berufsbilder in den Praxisalltag unerlässlich. Man sei dabei inzwischen längst über den Projektstatus hinaus, jetzt gelte es passende Wege zu finden, erfolgreiche Modellversuche auf die Strecke – und damit in die Regelversorgung – zu bringen. Zugleich sahen alle Beteiligten noch einige Hürden zu nehmen. Beispiele: Ungeklärte Finanzierungsfragen (Ruiss), mehr Ordnung mit Blick auf einheitliche Curricula bei akademisierten Berufen (Mayer-Wingert) und ein stärker geregelter Rahmen, welche Aufgaben delegiert werden dürfen – und wer diese Aufgabe dann übernehmen darf. Ruiss brachte einen Delegationskatalog ins Spiel. Richter-Scheer: „Ein interessanter Ansatz, allerdings dürfen wir die klassischen MFA nicht vergessen. Sie übernehmen sehr viele Aufgaben und sollten nicht plötzlich ausgegrenzt werden.“
„Können uns komplett auf die Patientenversorgung konzentrieren.“
Einer, der das Modell der Teampraxis heute schon lebt, ist Dr. Martin Riffelmann. In seiner Praxis im Hochsauerlandkreis arbeiten fünf Ärzte und 30 Mitarbeiter, darunter einige Spezialisten. Eine Mitarbeiterin ist beispielsweise freigestellt und kümmert sich um die komplette Abrechnung der Praxis. Riffelmann: „Sie macht das sogar gerne!“ Lachen im Publikum. Was auf den ersten Blick vielleicht witzig klingen mag, hat einen sinnvollen Nutzen. „Die Kollegin macht einen super Job! Wir Ärzte können uns dadurch komplett auf die Patientenversorgung konzentrieren, verlieren durch No-brainer-Arbeiten keine wertvolle Zeit.“ Stichwort Zeit: Entsprechende Teamstrukturen in einer Praxis aufzubauen und mit Leben zu füllen, gehe nicht von heute auf morgen. Delegation sei immer ein Prozess, machte der Allgemeinmediziner deutlich. Prof. Dr. Nadja Mayer-Wingert wies abschließend darauf hin, dass mit dem Teampraxismodell auch der Bedarf nach Führungskompetenz wachse. Ein Gedanke, mit dem es in die Halbzeitpause gehen sollte.
Nach der Kaffeepause ging’s intensiv weiter. Dr. Andreas Gassen (Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung), Felix Lüken (Regierungsdirektor des Referats für vertragsärztliche Versorgung im NRW-Gesundheitsministerium) und Holger Herlinghaus (Bereichsleiter Gefahrenabwehr und Rettungsdienst bei der Feuerwehr Dortmund) widmeten sich gemeinsam mit Dr. Dirk Spelmeyer (Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe) einem der zentralsten Themen im deutschen Gesundheitswesen: der Patientensteuerung. Die Bundesregierung plant dazu die Einführung eines verbindlichen Primärarztsystems, ein Gesetzentwurf liegt bislang jedoch noch nicht vor.
Botschaft an die Bundespolitik
So eröffnete Dr. Andreas Gassen direkt mit einer deutlichen Botschaft an die Bundespolitik. Das Bundesgesundheitsministerium sei sehr gut damit beraten, wenn es bei der Ausgestaltung der Pläne auf die Stimme der ärztlichen Selbstverwaltung höre. Bereits Ende Mai hatten die KVen beim Ärztetag in Leipzig ein Ausrufezeichen gesetzt und mit großer Zustimmung ein Zukunftspapier („Ambulant – Passgenau – Versorgt“) auf den Weg gebracht. Der Inhalt zusammengefasst: eine bedarfsgerechte Patientensteuerung über Haus-, Kinder und grundversorgende Fachärzte, eine deutlich höhere Verbindlichkeit auf Arzt- und Patientenseite, was Vermittlung und Einhalten von Terminen betrifft. Und um eine Patientensteuerung durch die 116 117 (Online und Telefonie), die sich für keinen steuernden Vertragsarzt entscheiden. Wichtig aber auch: Das Vorhalten von Terminen vor allem durch Fachärzte muss entsprechend finanziert werden.
Starke Bilanz der 116 117
Welche beachtliche Arbeit die Terminservicestelle 116 117 bereits heute leistet, machte Dr. Dirk Spelmeyer deutlich. Das oftmals medial skizierte Bild von fehlenden Facharztterminen sei unzutreffend. Spelmeyer: „Allein im ersten Halbjahr 2025 haben wir in Westfalen-Lippe fast 120.000 Anfragen erhalten. Knapp 90 Prozent der Patienten konnten wir erfolgreich einen Termin vermitteln. In vielen stark nachgefragten Fachgruppen, beispielsweise bei den Radiologen oder Psychotherapeuten, liegt der Anteil sogar bei mehr als 90 Prozent. Es gibt natürlich auch Fachgruppen, die geringere Vermittlungsquoten aufweisen. Dabei handelt es sich meist um sehr spezielle Fachgruppen, wie etwa die Endokrinologie. In diesem Fachgebiet gibt es leider nur sehr wenige, spezialisierte Ärzte.“ In der der Debatte um Facharzttermine komme die unzureichende Eigenverantwortung der Patienten oftmals zu kurz. „Knapp 10 Prozent der angebotenen Termine werden von den Patienten abgelehnt. Das ist ebenso ein großes Ärgernis, wie die große Anzahl an Facharztterminen, die von den Patienten nicht wahrgenommen und nicht fristgerecht abgesagt werden“, erklärte Dr. Dirk Spelmeyer. Daher war man sich auf dem Podium auch einig, dass jedes Steuerungsmodell mit der Akzeptanz und Eigenverantwortung der Patienten steht und fällt.
116 117: KVWL erneuert Wunsch nach verpflichtender Kontaktaufnahme
Selbstbeteiligungsmodelle gelte es zu diskutieren, wobei Vorschläge wie eine pauschale 200-Euro-Gebühr pro Facharztbesuch wohl eher auf persönliche Erfahrungen aus USA-Reisen beruhen dürften, kommentierte Dr. Andreas Gassen einen entsprechenden Vorstoß aus der Unionsfraktion. Klar sei aber auch, dass durch ein neues Modell der Patientensteuerung nicht mehr Facharzttermine entstehen werden. Gassen: „Sie werden aber vielleicht in einer besseren Reihenfolge, nach medizinischer Dringlichkeit, wahrgenommen.“ Dennoch müsse man auch über eine stärkere Selbstbeteiligung der Patienten nachdenken. Insbesondere dann, wenn Patienten sich selbst nach einer medizinischen Ersteinschätzung partout nicht lenken lassen wollen. Felix Lüken erwiderte, dass er von Sanktionen wenig halte. Vielmehr sei das Angebot der verschiedenen Versorgungsebenen für die Patienten oft zu kompliziert und nur schwer zu durchschauen.
Abhilfe könne hier laut Dr. Dirk Spelmeyer ebenfalls die 116 117 schaffen. Er erneuerte den Wunsch der KVWL nach einer verpflichtenden Kontaktaufnahme – telefonisch oder online. Durch eine entsprechende Triagierung könnten die Patienten besser in die richtige Versorgungsebene gelenkt werden. Allerdings müsse man die 116 117, die derzeit komplett aus der ärztlichen Vergütung getragen wird, finanziell anders aufstellen. Schließlich handele es sich um ein Angebot der Daseinsvorsorge.
Engere Verzahnung zwischen der 116 117 und der 112 gewünscht
Ausdrücklicher Konsens unter den Diskussionsteilnehmern war, dass die 116 117 enger mit der Notrufnummer 112 verzahnt werden sollte. In Dortmund arbeiten Feuerwehr und KVWL in Sachen Fallübergabe in der Akut- und Notfallversorgung sehr eng zusammen. Das Ziel: Eine Patientenversorgung, die ärztliche Kapazitäten möglichst passgenau in Anspruch nimmt. Die Ergebnisse seien bislang äußerst vielversprechend, erklärte Holger Herlinghaus. Zugleich verwies er auch auf die Komplexität der Aufgabe. „NRW verfügt über 52 Rettungsdienstleistellen, die sechs unterschiedliche technische Dienstleister nutzen. Man benötige aber eine gemeinsame Schnittstelle.“ Ein Konzept für eine gemeinsame Lösung wolle man jetzt dem Gesundheitsministerium vorlegen.
Zur Akut- und Notfallversorgung, aber auch zu weiteren Themen der medizinischen Versorgung, laufen in NRW bereits seit dem vergangenen Jahr verschiedene Arbeitsgruppen mit Vertretern aller wichtigen Institutionen des Gesundheitswesens. Die Initiative dazu sei aus den beiden Landes-KVen gekommen, sagte Felix Lüken. Er nehme den gemeinsamen Austausch als äußerst engagiert und sehr konstruktiv wahr. Dr. Dirk Spelmeyer fand dazu die passenden Abschlussworte: „Die gemeinsamen Workshop-Runden – aber auch Nachmittage wie der heutige – zeigen eines doch ganz deutlich: Es kann nur gemeinsam funktionieren! Die Herausforderungen sind vor dem Hintergrund des doppelten demografischen Wandels sicher groß. Aber wer soll die Aufgaben lösen können, wenn nicht wir selbst?“ –DM
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Pressemitteilung: KVWL-Jahreskongress 2025
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Foto: Podiumsdiskussion beim Jahreskongress der KVWLDiskutierten über die Perspektiven der Delegation (v.l.): Dr. Martin Riffelmann (Facharzt für Allgemeinmedizin), Dirk Ruiss (Leiter der NRW-Landesvertretung der Ersatzkassen e.V.), Prof. Dr. Nadja Mayer-Wingert (Professorin für Sozial- und Gesundheitsmanagement, Internistin und Palliativmedizinerin), Anke Richter-Scheer (stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVWL) und Sven Ludwig (Moderator und Leiter des Stabsbereichs Kommunikation der KVWL)
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Foto: Jahreskongress der KVWL zum Thema PatientensteuerungWidmeten sich beim Jahreskongress dem Thema Patientensteuerung (v.l.): Holger Herlinghaus (Bereichsleiter Gefahrenabwehr und Rettungsdienst bei der Feuerwehr Dortmund, Felix Lüken (Regierungsdirektor des Referats für vertragsärztliche Versorgung im NRW-Gesundheitsministerium), Dr. Andreas Gassen (Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung), Dr. Dirk Spelmeyer (Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe) und Sven Ludwig (Moderator und Leiter des Stabsbereichs Kommunikation der KVWL)
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Foto: Gäste beim KVWL-JahreskongressMehr als 100 geladene Gäste, darunter zahlreiche Vertreter aus Politik, ärztlicher Selbstverwaltung und Krankenkassen, erlebten beim KVWL-Jahreskongress 2025 zwei kurzweilige Diskussionsrunden